Teil 2 – Die Auswahl eines Warenwirtschafts- / ERP-Systems für den Versandhandel

Warum sieht sich ein Unternehmen nach einer (neuen) geeigneten Softwarelösung um?

Die Gründe sind meist vielfältig, die Feststellung oder Wahrnehmung dieser erfolgt als solches unterschiedlich.

Die Hauptgründe unterscheiden sich grundsätzlich in umschrieben weiche und harte Faktoren sowie in zwei Themenbereiche: Mängel an der (nicht immer) definierten und vertraglich festgehaltenen Produkt- und Dienstleistung sowie neu definierte Anforderungen des Unternehmens, welche die Bestandslösung aus welch auch immer gearteten Gründen nicht erbringen kann.

Allgemein häufige Mängel:

  • unzureichende(r) Produkt-Schulung, Support/Service und Dokumentation
  • unzureichende Systemstabilität
  • unzureichende Skalierbarkeit
  • unzureichende Benutzerfreundlichkeit
  • unzureichende Flexibilität
  • veraltete Software-Technologien und System-Archtitekturen
  • Nichteinhaltung der Leistungsbeschreibung gemäß mündlich oder schriftlich zugesicherter Funktionen/Leistungen durch Marketing, Vertrieb oder im Vertragsabschluss.
  • mangelhafte bzw. unvollständige Software- und Arbeitsprozesse innerhalb der Anwendung

Ursachen:

Betrachtet man die Historie des Versandhandels bzw. die Zeit seit der Entstehung des “eCommerce”, sind die Veränderungen welcher diese Branche in jeder Hinsicht in den vergangenen 10 Jahren ausgesetzt war, einfach ausgedrückt, gigantisch. Gewachsen bezogen auf Umsatz und Reichweite ist nicht nur der Distanzhandel und seine Facetten im Allgemeinen, sondern auch damit verbunden die Anforderungen der Branche, die Vielfalt und die folgende Professionalisierung. Umgekehrt gilt das Gleiche: Die Umsetzung von Anforderungen an die IT/Systeme treiben oft erst das Wachstum und Innovation bzw. ermöglichen diese.

War vor 15 Jahren noch der Katalog im Distanzgeschäft maßgeblich und nahezu für den gesamten Umsatz und Transkationen der Hauptkanal schlechthin, spielt dieses Medium heute bei den meisten Versandhändlern nur noch eine untergeordnete oder oft gar keine Rolle mehr. Was unterscheidet die heutige Marktsituation bzw. den heutigen Anspruch des Konsumenten von dem der vergangenen Jahrzehnte bezugnehmend auf die Aftersales- / Backend-Systeme?

Geschwindigkeit

Aus der Sicht des Kunden: Erwartete der Käufer nachdem er telefonisch oder per Fax oder Postkarte bestellt hat, dass seine Bestellung innerhalb einer Woche vom Paket-Dienstleister zugestellt wird, gilt es heute als selbstverständlich, dass die bestellte Ware am nächsten oder übernächsten Tag den Empfänger erreicht.

Der Fokus der vorhandenen Warenwirtschafts- & ERP-Systeme lag in ganz anderen Bereichen wie z. B. Dateneingabe (Callcenter/Fax/Postkarte), Waren-Bevorratung & Disposition (ein ausverkaufter Artikel lässt sich auf gedrucktem Papier schlecht deaktivieren), Werbemittel und Werbeträger-Steuerung/Auswertung sowie optimale Stapel-/Batch-Verarbeitung in der Logistik. Elektronische Frontend-Systeme wie Marktplätze oder Shopsysteme gab es nicht, Rechenleistung und Technologien waren begrenzt. Papier war und ist geduldig, der Kunde hielt einen bis zu 1,5 kg schweren Wälzer in seinen Händen, dessen Gültigkeit für mindestens eine Saison festgezurrt war. Die Veränderungen am Artikelstamm, den Marken und den Verkaufskanälen waren plan- und überschaubar, Fehler in den laufenden Werbe- und Verkaufsmitteln waren dafür um so unverzeihlicher. Die angebotenen Softwarelösungen und vorhandenen Technologien konnten mit dem Tempo an Veränderungen und der begrenzten Anzahl an vorhandenen Marktteilnehmern der Branche im Regelfall  problemlos Schritt halten. Was hat sich seitdem “Urknall” des Onlinehandels verändert?

Technologie

Der technologische Wandel, gerade im Handelsumfeld, war in der vergangenen Dekade so groß wie nie zuvor, das Internet wurde zum Massenmedium und machte damit den elektronischen Handel in der Breite erst möglich und salonfähig, die Jahrtausendwende mit seiner “Internetblase” war der Inkubator vieler Ideen im Software- und Handels-Segment, Markteintritts-Barrieren im Distanzhandel verschwanden dank OpenSource-bzw. günstigen Lösungen wie osCommerce, etc., die im Vergleich aufwändigere und teurere Produktion eines Katalogs entfiel, die Kosten für den elektronischen Verkaufsträger waren überschaubar, neue Onlineshops schossen wie Pilze aus dem Boden. Der probier-freudige und preis-sensitive Kunde kam quasi von alleine und war die ersten Jahre froh wenn sein Paket überhaupt ankam. Bestehende Software-Unternehmen für Warenwirtschaft, ERP und Versandhandelslösungen fingen an sich auf die neuen Gegebenheiten so gut es ging anzupassen, Neugründungen kamen hinzu (und verschwanden wieder) um dem “eCommerce” Lösungen anzubieten, welche seinen Anforderungen im Hintergrund gerecht werden sollen.

Der technologische und wirtschaftliche Wandel ist für Hersteller von Branchensoftware im Versandhandel momentan Fluch und Segen zu gleich, der elektronische Handel – wenn man den einschlägigen Prognosen der Analysten Glauben schenken darf – steckt quasi noch in den Kinderschuhen, jeden Monat entstehen neue Verkaufsplattformen, Verkaufskonzepte (Erinnern sie sich noch an Live-Shopping oder Bid Auctions?), Online-Bezahlsysteme, etc., die Vielfalt und damit die Anzahl an notwendigen Schnittstellen zu den Systemen im Hintergrund nimmt weiter zu. So agil und flexibel die Shopsysteme und Frameworks im Kunden-Frontend vermeintlich heute (schon) sind, umso mehr erscheinen die Aftersales-Systeme subjektiv schwerfälliger.

Die Gründe hierfür sind schnell aufgezählt: Shopsysteme sind naturgemäß web-basiert, die zur Verfügung stehenden Programmierumgebungen, Ressourcen und Sprachen sind laienhaft ausgedrückt im Vergleich wesentlich jünger, verbreiteter, flexibler und experimentierfreudiger ausgelegt als native Applikationen bzw. deren oft schon seit Jahrzehnten bestehenden Frameworks. Als Software-Hersteller eines Warenwirtschaftssystems haben sie andere Anforderungen an ihr Produkt wie ein Shopsoftware-Hersteller. Sie legen mit Beginn der Unternehmung ihren Grundstein, ihre Strategie und eingesetzte Technologie fest.

Komplexität

Historisch bedingt – Warenwirtschaftssysteme gibt es natürlich nicht erst seit der Erfindung des eCommerce – haben sich viele am Markt verfügbare Lösungen, in der Zeitrechnung unserer Branche, schon vor Urzeiten auf ein Fundament festgelegt. Zu diesem Zeitpunkt war die Entwicklung und Veränderung des Handels mit Sicherheit niemandem bewusst oder vorhersehbar. Viele Warenwirtschaftssysteme sind oder waren, damals kein Hindernis, in sich geschlossen. Die Öffnung begann mit den Anbindungen an die ersten Shopsysteme zum automatischen Austausch von Artikeldaten und Bestellungen, und genau hier kommen einige Lösungen schon an ihre Grenzen aufgrund veralteter Technologien oder für die Anforderungen des eCommerce nicht geeigneter bzw. unflexibler Frameworks und Prozesse, hier prallen oft immer noch zwei verschiedene Welten aufeinander. “Jüngere” Lösungen nutzen vielleicht modernere Technologien, auch web-basiert wie das Shopsystem, Web-Architekturen im Backend haben aber auch entscheidende Nachteile und allzu oft wird eine oft lästig angesehene interne Entwickler-Dokumentation vernachlässigt was im Laufe der Zeit zu Problemen führt. Warum Softwarehersteller X oder Y, welcher seit mehreren Jahren oder Jahrzehnte am Markt agiert, nicht den chirurgischen Schnitt für eine Neuentwicklung setzt um den heutigen oder zukünftigen Anforderungen gerechter zu werden?

  • Komplexität der Anwendung, Prozesse und Funktionen
  • unzureichende oder nicht vorhandene interne Produktdokumentation
  • Ressourcenbindung (Personal & Zeit)
  • Adaptierung
  • Kapitalbindung
  • Strategie / kein Zwang vorhanden

Das Wachstum des Onlinehandels ist momentan scheinbar noch schier grenzenlos, gefühlt und aus eigener Erfahrung können einige Dienstleister im Software-Umfeld die möglichen Auftrags-Potenziale aktuell gar nicht abschöpfen bzw. entsprechend im eigenen Unternehmen skalieren. Wohlgemerkt ein Luxusproblem, daraus muss man aber auch folgenden Schluss ziehen: Oben genannte Probleme sind nicht symptomatisch oder allgemein auf die Softwarehersteller gemünzt, ein jedes System hat seine bestimmte Zielgruppe, auf welche die angebotene Lösung nahezu perfekt abgestimmt ist oder werden kann und reibungsfrei funktioniert. Maßgeblich sind ihre exakten Anforderungen, die Definition ihrer Strategie und ihrer Ziele, welche sie an eine Warenwirtschaft oder ERP-System stellen bzw. mit dieser erfüllen möchten. Für nahezu jede Nachfrage gibt es auch ein entsprechendes Angebot.

Weiter geht’s demnächst mit Teil 3: Wann trifft man die Entscheidung zum Systemwechsel?

Teil 1 – Die Auswahl eines Warenwirtschafts- / ERP-Systems für den Versandhandel

In der folgenden unregelmäßigen Reihe möchte ich über den Weg von der ersten Idee, bei manchen Unternehmen vielleicht auch Zwang, bis hin zum “Go-Live” und die Wochen danach eingehen, ein Warenwirtschafts- /ERP-System auszuwählen, die Projektumsetzung voranzutreiben und am Ende in den Echtbetrieb zu wechseln und etwaige “Nachwehen” zu beseitigen.

Nehmen wir einmal an, es geht um ein mittelständisches eCommerce Unternehmen, welches schon einige Jahre am Markt ist und bis zu mehrere Hundert bis Tausende Bestellungen jeden Tag entgegennimmt und versendet. Die gesamte Wertschöpfungskette wird vom Einkauf, Marketing, über die Lagerhaltung, Logistik, Kundenservice bis hin zur Buchhaltung, Controlling und natürlich Geschäftsführung im eigenen Haus abgebildet. Den größten Teil am Umsatz erwirtschaftet der eigene Onlineshop mit vielleicht zwei oder drei (gewünschten) kleineren Subshops, z. B. für bestimmte Marken (neudeutsch. “Brands”) oder Zielgruppen. Darüber hinaus werden noch Marktplätze wie eBay oder Amazon Marketplace bedient bzw. sollen zukünftig als neue Vertriebskanäle aufgebaut werden. Verkauft werden ausschließlich physikalische Produkte, versendet wird oder soll in nahezu alle Länder der europäischen Union, inkl. Schweiz. Das Unternehmen verfügt je nach Saison über 10 oder mehr Mitarbeiter und wächst bezogen auf den Umsatz aufgrund der guten Marktpositionierung und geschicktem Shopkonzept jährlich um die (noch) marktüblichen zweistelligen Prozentbereiche.

“Jedes System hat eine Grenze.”

Was bewegt ein Unternehmen dazu, sich nach einem (neuen) “Backend-System” umzusehen?

Einfachste und positivste Möglichkeit:

Es handelt sich um eine Neugründung (“Startup”), welches sich seinen Teil am immer noch größer werdenden Kuchen im Onlinehandel abgreifen möchte. Als Software-Dienstleister spricht man hier auch gerne mal von der “grünen Wiese”. Weil man bereits aus der Vergangenheit der Branche diverse Erfahrungen gemacht hat, entschließt man sich direkt Geld in die Hand zu nehmen um ein solides Backend-System für die Zukunft und das “Venture Capital” gepimpte Wachstum zu verwirklichen.

Weitere Möglichkeit:

Eingesetzt wird eine Eigenentwicklung, aus strategischen Gründen z. B. der Verfügbarkeits-, Entwicklungs- und Ressourcensicherung, wird eine neue, am Markt allgemein verfügbare und etablierte Lösung eines Software-Unternehmens forciert. Einfacher ausgedrückt: Man will sich nicht länger auf einen einzelnen Entwickler abhängig machen, welcher jederzeit kündigen, krank werden oder das Interesse am Projekt verlieren kann.

Negativste Möglichkeit:

Der entsprechende Dienstleister stellt das Produkt ein oder wird insolvent (Beispiele: Semiramis oder Alea)

Häufigste Warscheinlichkeit:

Das eCommerce Unternehmen besteht mittlerweile seit mehreren Jahren am Markt und hat seinen Ursprung womöglich in der Garage, im Keller oder Wohnzimmer als Einzelunternehmer wahrscheinlich mit eBay oder einer anderen Verkaufsplattform gefunden. Man hat mehrere Jahre unaufhörliches, teils dreistelliges Wachstum hinter sich und irgendwann mit dem eigenen – mittlerweile ganz ansehnlichen – Onlineshop angefangen. Aufgrund von Zeit- und Ressourcenmangel hat man sich eine kleine Auswahl (aufgrund der geringen Verfügbarkeit) der notwendigen Systeme “mal eben” übers Wochenende oder nebenbei angesehen und mit knirschenden Zähnen aufgrund der Unsicherheiten wegen mangelndem Know-How oder dem Preis geschluckt, gekauft, geleast oder gemietet.

Die bis dato eingesetzte Versandhandelslösung oder Warenwirtschaft hat ihren grundsätzlichen Zweck über die Jahre mal besser, mal schlechter erfüllt. Das Wachstum des Unternehmens und des Umsatzes wurde vorangetrieben, die grundsätzlichen Funktionen und Prozesse sind vorhanden, man richtet sich nach den Möglichkeiten des Systems…

… und irgendwann richtet sich das ganze Unternehmen danach. Etwas spitz mit dem ersten Zitat kombiniert und fragend:

“Grenze des Systems = Grenze der Unternehmung?”

Warum und wann sich ein Unternehmen oder dessen Entscheider explizit nach einer neuen Lösung bzw. neuem System umsieht bzw. umsehen sollte, erfahren sie im nächsten Beitrag zum Thema “Auswahl: Warenwirtschaft / ERP-System”

innovative Intralogistik – Kiva Systems

Die Lagerhaltung und Logistik gehört im Versandhandel bei den meisten Unternehmen zum Kerngeschäft und damit meistens leider auch zu den größten Kostenfaktoren. Glaubt man den einschlägigen Quellen wächst jeder “Internet Pure Player” in Deutschland immer noch im Schnitt um bis zu 30% jedes Jahr. Führt man Lagerhaltung und Intralogistik im eigenen Haus, kann dieses Wachstum schnell zum Problem werden, das “Warehouse” ordentlich zu skalieren gehört neben allen anderen Unternehmensbereichen zu den schwierigeren Aufgaben. Einfachster und oft umgesetzter Lösungsansatz:

Mehr Ware (Kapitalbindung) + Mehr Lagerfläche (einmalige Investition oder laufende Kosten) + Mehr Personal (laufende Kosten)

Dabei kann mit den entsprechenden Konzepten diesem Thema wesentlich effizienter zu Leibe gerückt werden, z. B. durch Outsourcing: Auslagerung der gesamten Lagerhaltung und Warehouse-Logistik an ein externes Fulfillment-Unternehmen. Alternativ Inhouse: Wenn man die gesamte Wertschöpfungskette weiterhin selbst unter Kontrolle und im eigenen Unternehmen behalten möchte:

Stufe 1: bedarfsorientierte Bestellung (On-Demand-Order) und Cross-Docking, sie bestellen die Ware erst bei ihrem Lieferanten, sobald Kundenauftrag eingegangen ist und verschicken direkt bei Wareneingang ohne das die Ware je ihr Lager gesehen hat. Nachteil: Abhängigkeit von Lieferzeit und Zuverlässigkeit der Lieferanten plus Zeitverlust der Zwischenstation (“Next day delivery“).

Stufe 2: Weg von der Einzel-Kommissionierung von Aufträgen zur wege-optimierten Sammel- oder zweistufigen Kommissionierung mit chaotischer Lagerhaltung und ggf. entsprechender Mobiler Datenerfassung (MDE). Softwaretechnisch und Umsetzung eigentlich keine große Herausforderung, aber leider bei vielen Lösungen heute immer noch nicht im Standard-Leistungsumfang.

Stufe 3: ABC-Analyse: Kategorisierung der Lagerplätze und Analyse von Umschlagshäufigkeit der einzelnen Produkte, Schnelldreher nach vorne und über kurze Wege erreichbar, Lagerpenner aussortieren oder weiter nach hinten.

Stufe 4: Optimierung des Wareneinkaufs, dynamische Bestellvorschläge mithilfe bestimmter Algorithmen (Disposition) und Faktoren statt statisch. Bestellen und lagern sie nur dass, was saisonal oder aktuell beim Kunden gefragt ist bzw. kurz- bis mittelfristig verfügbar sein muss, Vorhaltung von wenig frequentierten Artikeln reduzieren.

Stufe 5: (Teil-)Automatisierung des Lagers mithilfe automatischer Materialfluss- & Fördersysteme, automatischer Kleinteile- und Hochregal-Lager, Nachteil: Hohe Investitionskosten und kurzfristig schwer skalierbar.

Stufe 6: dynamische Lagerhaltung & Kommissionierung mithilfe autonomer Kleinroboter-Systeme, welche ressourcen-schonend einige der oben genannten Vorteile vereint.

Genau an diesem Punkt kommt ein US-Unternehmen ins Spiel, welches in Europa gefühlt noch gänzlich unbekannt ist: Kiva Systems, im Jahr 2003 gegründet, machte es in der US-Logistikbranche schnell mit einer kleinen Technik-/Prozess-Revolution auf sich aufmerksam. Keine Förderbänder, automatisierte Hochregallager oder neuartigen Gabelstapler: Kleine, autonom agierende Roboter, welche in der Lage sind durch das ganze Lager zu rollen, Kleinregale aufzunehmen und an ihren Bestimmungsort (Packplatz oder Einlagerung) hin und wieder zurück zu transportieren. Um einen Eindruck des Prozesses und der Technik zu gewinnen, empfehle ich folgendes Video:

Jeder der sich mit Materialfluss oder neu-deutsch Warehouse-Logistik beschäftigt und diese Technik zum ersten mal sieht, braucht mindestens 2 Durchläufe dieses Videos um alle Details wahrzunehmen  und ansatzweise zu verstehen wie scheinbar mühelos dieses System viele Einzelprozesse (siehe weiter oben) in der Waren-Distribution zusammenfasst und vereinfachen kann.

Statt einen Menschen aus Fleisch und Blut als “Picker” oder “Stower” loszuschicken, übernimmt diese Aufgabe hier einfach ein kleiner orange-farbener Roboter auf vier Rädern mit integrierter Hebetechnik. Statt den einzelnen Artikel aufzunehmen um ihn einzulagern oder an den Packplatz (Ware-zu-Mann) zu transportieren, wird einfach das gesamte Regal aufgenommen, in welchem sich die Ware befindet oder in welches sie eingelagert werden soll und an die entsprechende Stelle transportiert.

Die Kunst liegt in der Steuerung und Lagerstrategie des Gesamtsystems, das Regal, der Roboter bzw. die Ware müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Beim Einsatz von bis zu mehreren Tausend Regalen und Hunderten von Robotern kein leichtes Unterfangen in einem Echtzeit-System.

Die Skalierbarkeit und Flexibilität mit diesem System scheint schier unbegrenzt, vorausgesetzt die entsprechenden, absolut ebenen Flächen (!), stehen zur Verfügung. Die genutzten Lagerflächen müssen nicht einmal mehr beleuchtet, beheizt oder aufwändig mit festen Fachböden-Regalen ausgestattet werden, ein Roboter findet sich auch im Dunkeln und unterhalb der Norm-Temparatur zurecht, die mobilen Regale bringt oder holt er selbst. Überspitzt ausgedrückt ist der Mensch außer zur Einlagerung und Entnahme hier nicht mehr notwendig, außer der physikalischen Beschränkung der Akku-Laufzeit eines jeden einzeln Roboters gelten hier auch keine gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeiten und Pausen sowie Leistungseinschränkungen durch Ermüdung, Erschöpfung oder Ablenkung. Ein Roboter kennt nur zwei Zustände: Null oder Eins

Nicht ohne Grund ist Kiva Systems bereits bei vielen der Top 500 US-Internet-Retailer im Einsatz, zu den Kunden zählen unter anderem Zappos.com (Amazon), diapers.com & soap.com (Quidsi Inc.), drugstore.com, Staples, Toysrus, die Gilt Group und Office Depot.

Schöner Einblick bei Zappos.com:

Warscheinlich wird dieses System kein Hoch-, Schnelldreher- oder Paletten-Regal ersetzen, sieht man die Image-Videos der einzelnen oben aufgeführten Unternehmen, wird schnell klar das hier (nicht ohne Grund) auf Mischsysteme gesetzt wird. Kiva Systems gehört aber mit Sicherheit zu den effizientesten und ökonomischsten Lösungen im Kommissionier- bzw. Picklager.

PS: Seit nunmehr 2 Jahren bin auf der Suche nach einer Live-Installation in Europa, sollten sie ein Unternehmen kennen, welches Kiva Systems im Echtbetrieb in Europa im Einsatz hat, wäre ich für einen Tipp dankbar! –> Kontakt

Vernetzbare Systeme

Was und wofür sind vernetzbare Shop- und Warenwirtschaftssysteme?

Die Idee dahinter ist relativ einfach: Warum soll Händler A nicht auch Produkte aus dem Portfolio von Händler B und umgekehrt auf seinen Handelsplattformen anbieten und verkaufen?

Diesen Ansatz kennt man bereits in einem anderen Zusammenhang (B2B) unter folgenden Begrifflichkeiten: “Dropshipping”, “Fulfillment” oder “Streckengeschäft”, die Handelsplattform bietet eine Ware an, welche bei erfolgreicher Transaktion vom Lieferanten oder Distributor ausgeführt wird. Im Consumer Electronic und IT-Umfeld ist dieses Verfahren bereits seit mehreren Jahren etabliert und wird auch fast von jedem Händler in diesem Umfeld genutzt. Die technischen Schnittstellen zur Übergabe von Artikelstammdaten, Bestellungen, Transaktionen und Statusinformationen zwischen Händler und Lieferant orientieren sich heute größtenteils an Standards wie BMECat, OPENTrans, Edifact, IceCat, etc. und genau hierin liegt die Krux. Erstens die Vielfalt der offenen Standards, zweitens die aus der Historie heraus entstandenen neuen und individuellen Anforderungen der Handelsunternehmen zum Datenaustausch. In Folge dessen haben heute viele Lieferanten, Distributoren und Software-Anbieter ihre eigenen proprietären Formate entwickelt oder die Standard-Formate um ihre eigenen individuellen Anforderungen erweitert (Derivate).

Aufgrund der heterogenen und unterschiedlichen Systemlandschaften, der Trennung zwischen Frontend (Shopsystem) und Backend (Warenwirtschaft/ERP) und Vielzahl an Software-Anbietern stellt die Anbindung eines Lieferanten oder Distributors fast ein jedes Handelsunternehmen vor eine größere Herausforderung im Rahmen der Ressourcen, Kosten und Umsetzung/Integration: In den meisten Fällen müssen die entsprechenden Schnittstellen erst geschaffen, d. h. entwickelt oder individualisiert werden. Zusätzlich entsteht die Fragestellung, in welchem Host-System die entsprechende Schnittstelle geschaffen wird. Shopsystem, PIM oder Warenwirtschaft/ERP?

Für den reinen Import von Produktkatalogen/Artikelstammdaten von mehreren Lieferanten oder Distributoren gibt es mittlerweile diverse Dienstleistungsunternehmen, welche die Produktkataloge der wichtigsten Distributoren zusammenfassen und über eine einzige Schnittstellen bereitstellen,  als Beispiel sie hier ITscope aufgeführt.

Die Übergabe von Transaktionen oder Bestellungen des Endkunden an den Distributor oder Lieferanten erfolgt in den meisten Fällen allerdings immer noch auf klassischem Wege über den Einkauf via Fax, E-Mail, B2B Online-Bestellsystemen oder wiederum proprietären Schnittstellen.

Nachdem Pionier Amazon 2002 in Deutschland begonnen hatte seine Plattform für andere Händler zu öffnen (Amazon Marketplace), begannen mit ein paar Jahren Verzögerung auch die deutschen Big-Player des Distanzhandels wie Quelle, Neckermann, Otto oder plus.de ihre Plattformen nach und nach für andere (Online-)Händler zu öffnen. Die Abwicklung des Datenaustauschs stellt sich hier genauso wie bei den meisten Lieferanten dar: Jeder Plattform-Anbieter kocht sein eigenes Süppchen was das Thema Schnittstellen angeht, die Herausforderungen sind die gleichen wie schon weiter oben beschrieben. Im Umfeld “Händler zu Händler” hat sich hier in den vergangenen Jahren der Software-Anbieter Tradebyte etabliert. Das Unternehmen stellt ein Framework zur Verfügung, über welches sich die verschiedenen Plattformen mit den eigenen Host-Systemen verbunden und Produktkataloge, Transaktionen und Statusinformationen ausgetauscht werden können.

Was macht aber macht die große Masse der kleineren und mittleren Handelsunternehmen im eCommerce? Warum nicht auch hier über die bereits vorhandenen Systeme interagieren, das eigene Produkt-Portfolio und Reichweite skalierbar erweitern ohne neue Kapazitäten und Kapital in Lagerhaltung & Logistik, Produkt-Management, etc. stecken zu müssen?

Genau dieser Fragestellung geht Jochen Krisch von Exciting Commerce schon seit 2009 nach. Als einer der ersten Software-Anbieter für Shopsysteme hat auch Shopware dieses Thema aufgegriffen und auf dem vergangenen Shopware Community Day für Ende 2011 das Modul “Shopware Connect” angekündigt, mit welchem sich auch die Shopsysteme anderer Hersteller über einen Marktplatz miteinander verbinden lassen sollen.

Grundlegend gibt es hier noch 2 offene Kernfragen:

Mit der Ankündigung und der bevorstehenden Umsetzung eines etablierten Systemanbieters ist genau jetzt die Zeit, hier die entscheidenden Weichen zu stellen. Nur wenn alle etablierten Lösungsanbieter – gleich ob Shopsystem oder Warenwirtschaft – bereit sind an einem Strang zu ziehen, besteht hier die einzigartige Chance ein einfaches, flexibles, skalierbares und kostengrünstiges Handels-Netzwerk für den eCommerce aufzubauen.

Es bleibt spannend.

Hello (eCommerce/Mailorder) world!


Jörn Voortmann

Jörn Voortmann

“Hello world!”… damit beginnt jeder neue Blog von WordPress, nun auch meiner, schön das sie hier her gefunden haben!

Angenehm, Voortmann.

Darf ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Jörn Voortmann und ich bin nun seit knapp 10 Jahren sowohl beruflich als auch privat im IT-Umfeld unterwegs. Nach meine Anfängen 2002 in der klassischen IT-Systemadministration bin ich über mehrere Stationen seit nun mehr 5 Jahren fast mit allen IT- & Logistik-Themen im Branchenumfeld eCommerce und Versandhandel in Berührung gekommen und verbunden. Seit dieser Zeit beschäftige ich mich primär mit allen Dingen des Versandhandels, welche eher im Hintergrund ablaufen. Hierzu zählen nicht nur Warenwirtschafts-, ERP-, ERM-, CRM- und Versandhandels-Systeme, sondern auch (Intra-)Logistik, Schnitt-stellen, detaillierte Prozessabläufe, Arbeitsorganisation und vieles mehr.

Die gesamte Branche, deren Veranstaltungen und Blogs, reden und schreiben heute fast ausschließlich aus der Sicht des Frontends: Shopsysteme, Online-Marketing, Usability, Nutzerverhalten, Conversion Optimierung, Social Media, neue Geschäftsmodelle, usw.. Diese Themen sind für den Geschäftserfolg ein elementarer Baustein, dass steht außer Frage. Dieser Blog soll sich stattdessen primär mit allen Themen des Backends befassen, d. h. zum Beispiel mit allen Dingen nachdem ihr Kunde “konvertiert” hat und sie dafür sorgen müssen, dass der Kunde die versprochene Leistung möglichst reibungslos, effizient und schnell erhält und auch ihr Kunde bleibt.

Kleine Notiz am Rande: Bitte sehen sie mir nach, dass das Layout dieses Blogs zugegebenermaßen (noch) eher dürftig ist, meine Fähigkeiten und Muße im Grafikdesign beschränken sich jedoch nur auf das Mindeste, ich konzentriere mich lieber auf die Inhalte. In hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft findet sich ein passendes Theme bzw. jemand, welcher diesen Blog grafisch aufbereiten kann.

Ich wünsche ihnen viel Spass beim Lesen dieses Blogs und freue mich auf konstruktive Diskussionen, ihre Kritik sowie natürlich gerne auch Anregungen.

Herzlichst,

Ihr Jörn Voortmann
Jörn Voortmann