Vernetzbare Systeme

Was und wofür sind vernetzbare Shop- und Warenwirtschaftssysteme?

Die Idee dahinter ist relativ einfach: Warum soll Händler A nicht auch Produkte aus dem Portfolio von Händler B und umgekehrt auf seinen Handelsplattformen anbieten und verkaufen?

Diesen Ansatz kennt man bereits in einem anderen Zusammenhang (B2B) unter folgenden Begrifflichkeiten: “Dropshipping”, “Fulfillment” oder “Streckengeschäft”, die Handelsplattform bietet eine Ware an, welche bei erfolgreicher Transaktion vom Lieferanten oder Distributor ausgeführt wird. Im Consumer Electronic und IT-Umfeld ist dieses Verfahren bereits seit mehreren Jahren etabliert und wird auch fast von jedem Händler in diesem Umfeld genutzt. Die technischen Schnittstellen zur Übergabe von Artikelstammdaten, Bestellungen, Transaktionen und Statusinformationen zwischen Händler und Lieferant orientieren sich heute größtenteils an Standards wie BMECat, OPENTrans, Edifact, IceCat, etc. und genau hierin liegt die Krux. Erstens die Vielfalt der offenen Standards, zweitens die aus der Historie heraus entstandenen neuen und individuellen Anforderungen der Handelsunternehmen zum Datenaustausch. In Folge dessen haben heute viele Lieferanten, Distributoren und Software-Anbieter ihre eigenen proprietären Formate entwickelt oder die Standard-Formate um ihre eigenen individuellen Anforderungen erweitert (Derivate).

Aufgrund der heterogenen und unterschiedlichen Systemlandschaften, der Trennung zwischen Frontend (Shopsystem) und Backend (Warenwirtschaft/ERP) und Vielzahl an Software-Anbietern stellt die Anbindung eines Lieferanten oder Distributors fast ein jedes Handelsunternehmen vor eine größere Herausforderung im Rahmen der Ressourcen, Kosten und Umsetzung/Integration: In den meisten Fällen müssen die entsprechenden Schnittstellen erst geschaffen, d. h. entwickelt oder individualisiert werden. Zusätzlich entsteht die Fragestellung, in welchem Host-System die entsprechende Schnittstelle geschaffen wird. Shopsystem, PIM oder Warenwirtschaft/ERP?

Für den reinen Import von Produktkatalogen/Artikelstammdaten von mehreren Lieferanten oder Distributoren gibt es mittlerweile diverse Dienstleistungsunternehmen, welche die Produktkataloge der wichtigsten Distributoren zusammenfassen und über eine einzige Schnittstellen bereitstellen,  als Beispiel sie hier ITscope aufgeführt.

Die Übergabe von Transaktionen oder Bestellungen des Endkunden an den Distributor oder Lieferanten erfolgt in den meisten Fällen allerdings immer noch auf klassischem Wege über den Einkauf via Fax, E-Mail, B2B Online-Bestellsystemen oder wiederum proprietären Schnittstellen.

Nachdem Pionier Amazon 2002 in Deutschland begonnen hatte seine Plattform für andere Händler zu öffnen (Amazon Marketplace), begannen mit ein paar Jahren Verzögerung auch die deutschen Big-Player des Distanzhandels wie Quelle, Neckermann, Otto oder plus.de ihre Plattformen nach und nach für andere (Online-)Händler zu öffnen. Die Abwicklung des Datenaustauschs stellt sich hier genauso wie bei den meisten Lieferanten dar: Jeder Plattform-Anbieter kocht sein eigenes Süppchen was das Thema Schnittstellen angeht, die Herausforderungen sind die gleichen wie schon weiter oben beschrieben. Im Umfeld “Händler zu Händler” hat sich hier in den vergangenen Jahren der Software-Anbieter Tradebyte etabliert. Das Unternehmen stellt ein Framework zur Verfügung, über welches sich die verschiedenen Plattformen mit den eigenen Host-Systemen verbunden und Produktkataloge, Transaktionen und Statusinformationen ausgetauscht werden können.

Was macht aber macht die große Masse der kleineren und mittleren Handelsunternehmen im eCommerce? Warum nicht auch hier über die bereits vorhandenen Systeme interagieren, das eigene Produkt-Portfolio und Reichweite skalierbar erweitern ohne neue Kapazitäten und Kapital in Lagerhaltung & Logistik, Produkt-Management, etc. stecken zu müssen?

Genau dieser Fragestellung geht Jochen Krisch von Exciting Commerce schon seit 2009 nach. Als einer der ersten Software-Anbieter für Shopsysteme hat auch Shopware dieses Thema aufgegriffen und auf dem vergangenen Shopware Community Day für Ende 2011 das Modul “Shopware Connect” angekündigt, mit welchem sich auch die Shopsysteme anderer Hersteller über einen Marktplatz miteinander verbinden lassen sollen.

Grundlegend gibt es hier noch 2 offene Kernfragen:

Mit der Ankündigung und der bevorstehenden Umsetzung eines etablierten Systemanbieters ist genau jetzt die Zeit, hier die entscheidenden Weichen zu stellen. Nur wenn alle etablierten Lösungsanbieter – gleich ob Shopsystem oder Warenwirtschaft – bereit sind an einem Strang zu ziehen, besteht hier die einzigartige Chance ein einfaches, flexibles, skalierbares und kostengrünstiges Handels-Netzwerk für den eCommerce aufzubauen.

Es bleibt spannend.

7 Gedanken zu “Vernetzbare Systeme

  1. Grundsätzlich ein interessantes Thema, zumal theoretisch eine Menge Möglichkeiten für Umsatzsteigerungen drin wären.
    Die Frage dabei ist doch aber ob man neben den technischen Problemen auch die logistischen und juristischen Herausforderungen in den Griff bekommen kann.

    Beispiel :
    Diverse bislang mehr oder weniger autonom agierende Großhändler mit Dropshippingangebot geben Ihr Portfolio über eine wie auch immer geartete Schnittstelle frei. Shopbetreiber nutzen diese Angebote und stellen sich ein mehr oder weniger individuelles Portfolio zusammen das sie Ihrer Kundschaft anbieten. Soweit so gut.

    Was aber wenn ein kunde beispielsweise Produkte aus mehreren Quellen in den Warenkorb packt. Wie funktioniert nun eine Versandkostenberechnung, immerhin sind hier ja min. 2 Großhändler zum Versand heranzuziehen. Zudem sprechen wir hier ja von kleineren Händlern denen eine Mischkalkulation über das gesamte Produktportfolio / Einkaufsverhalten traditionell schwer fällt und die aufgrund der in Dropshippingportfolios gewöhnlich geringen Margen wenig Luft für die Übernahme von Versandkosten haben wie es bei anderen größeren Händler allein aufgrund des Volumens (Amazon beispielsweise) weniger problematisch ist.
    Die heute gängigen Shopsysteme aber unterstützen gar keine Versandkosten nach Lieferant (eigentlich eine interessante Versandkostenberechnungsvariante für reine Dropshippingshops, könnte man glatt mal drüber nachdenken).

    Das eine Bestellung in mehreren Lieferungen kommt wird für den Kunden auch nicht gerade angenehm sein.

    Dann kommt als nächstes die Problematik was im Falle einer Retour passieren soll. Nehmen wir an ein Teil einer Lieferung ist nicht in Ordnung, wie genau wird das gehandhabt, vor allem wenn mehrere Lieferanten an der Lieferung beteiligt sind?

    Was geschieht wenn es zu einem Streit über eine Liefrung kommt, wer übernimmt dann die juristische Auseinandersetzung? Wieder vor allem unter dem Gesichtspunkt das die Bestellung von mehreren Lieferanten abgeleistet wurde.
    Was passiert wenn der Shop oder ein Lieferant pleite geht, oder einfach nur in Schwierigkeiten kommt?
    Wer haftet bei technischen Problemen die dann ja auch auf die Reseller durchschlagen müssten, beispielsweise wenn keine Verfügbarkeiten mehr geholt werden können etc.?

    Das sind nur ein paar Beispiele die auftreten wenn man solche Dinge über mehrere Dropshipper aufteilt. Bei einem Zulieferer ist das weniger ein Problem, aber wir reden hier ja über tatsächlich nutzbare Schnittstellen, über Shops die wohl zu einem nicht unerheblichen Teil niemals ein eigenes Lager haben werden oder die Ware jemals zu Gesicht bekommen. Für mich stellt sich in solchen Fällen schon die Frage warum dann nicht gleich ein provisionsgetriebenes Shopsystem mit frei wählbaren Portfolios aus verfügbaren Quellen zusammenstellen und den Shopbetreiber ausschließlich als Vertriebler agieren lassen. Ach ja, gibt es ja und funktioniert so gut wie gar nicht da die Verdienste in min. 90 % aller Fälle zu vernachlässigen sind.

    Erschwerend kommt hinzu das Shops die auf dieselben Datenbestände zugreifen wie die Konkurrenz SEO technisch defacto tot sind (sieht man sehr schön an den Trafficentwicklungen von Shops die Datenmaterial vom Großhändler übernehmen). Dies ließe sich nur mit hohem Aufwand, nämlich eine manuellen Bearbeitung, umgehen. Ein wesentlicher Vorteil, nämlich keine Produktdatenpflege machen zu müssen fällt damit weg.

    Mein Fazit:
    Neben den technischen Herausforderungen sind vor Erstellung einer solchen real existierenden Schnittstelle sämtliche Bausteine eines solchen Konzeptes auf Nutzbarkeit zu durchleuchten. Ich sehe nicht das es in näherer Zeit zu einer Umsetzung kommt die auch nutzbar ist da hier die Shopbetreiber untereinander Vertragsverhältnisse eingehen die ziemlich komplex sein dürften und zudem weitreichende Folgen haben wenn es denn mal zu einem Problem kommt.
    Meiner Meinung nach kommt man heutzutage mit reinen Dropshippingangeboten nicht mehr weit, zu viele Reseller die sich alle um den selben Kuchen prügeln, da müssen die Stücke die holbar sind ja immer kleiner werden. Anständige Marketingbudgets aber sind aufgrund der vergleichbar geringen Margen nicht in Sicht.

    Dropshipping ist nett um ein Portfolio zu ergänzen, es kann eine echte Handelstätigkeit meistens Erachtens nach nicht ersetzen. Auch wenn das an allen möglichen Ecken im Web anders kommuniziert wird, eine Existenz können sich nur ganz wenige mit solchen Konzepten aufbauen, das ist keineswegs ein Weg für die Masse.

    Damit ist ein Konzept vernetzbarer Shops ebenso nur für Shops von Vorteil die in ihrem Kernportfolio bereits verkaufsstark sind und das Gesamtangebot mit passenden Zusatzprodukten aufbessern wollen. Wir reden hier folgerichtig von einem Zubrot.

    Final noch ein Wort dazu als Hersteller eines Shopsystems.
    Es ist extrem schwer irgendeinen Standard innerhalb der Shopsystemherstellergemeinschaft hinzubekommen. Das liegt nicht nur daran das alle im Wettbewerb miteinander stehen und dieser Wettbewerb ist hart und wird entsprechend ausgetragen. Das liegt auch daran das man untereinander kaum kommuniziert und niemand dem anderen eine relevante Information freiwillig geben würde. So eine Schnittstelle dürfte ausserdem recht umfangreich werden, die Anpassungen müssten tief in das System eingreifen wenn der Integrationsgrad ein Maß erreichen sollte bei dem tatsächlich von vernetzbaren Shops gesprochen werden könnte. Wenn nicht ein signifikanter Mehrwert in der Sache steckt wird wohl kaum jemand den Aufwand machen so eine Schnittstelle zu erstellen. Erschwerend kommt hinzu das eine solche Schnittstelle mißbraucht werden könnte, wir reden hier immerhin von im Wettbewerb stehenden Unternehmen die sich miteinader vernetzen sollen. Es wird also eher auf Plattformen hinauslaufen die sowieso außerhalb des Shopsystems stehen und die solche Dienste dann kostenpflichtig anbieten, beispielsweise könnte das zu den Multichannelpattformen passen. Da auch die kein Interesse an einem Standard haben da man sich ja im Wettbewerb befindet wird es hier das gleiche Interoperabilitätsproblem geben wie überall sonst auch. Da die Dienstleistung dann kostenpflichtig wird geht ein weiterer Teil der ohnehin geringen Marge an den Vermittler, was das Gesamtkonzept nicht unbedingt attraktiver macht.

    • Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar!
      Zum Thema Versandkostenberechnung hilft höchstwahrscheinlich nur der pragmatische Weg, diese direkt über die angesprochene Mischkalkukation einfließen zu lassen, stylight.de versucht diesen Weg beispielsweise zu gehen, shopperella.de hat diesen Konversionkiller vernachlässigt. Ich denke es gibt noch ausreichend Produktsegemente, die margen-trächtig genug sind das abzubilden. Warum z. B. dawanda.com dies noch nicht anwendet ist mir persönlich ein Rätsel. Das eine Bestellung in mehreren Lieferungen kommt ist heute nicht mehr ungewöhnlich, selbst ein voller Warenkorb bei Amazon kommt oft in mehreren Lieferungen, da die Ware in den verschiedenen Distributionszentren verteilt ist.
      Das Thema Retouren / Rücksendungen gehört hier mit Sicherheit heute zu den spannenderen Herausforderungen. Die Rücksendung erfolgt im Regelfall an den Versender, Neckermann und ehemals Quelle verfahren hier genauso mit über ihre jeweiligen Portale verkauften “Fremdprodukte”, ein anderer Weg ist wohl auch kaum gangbar. Entsprechende Provisionen / Fakturierungen müssen über die entsprechenden Schnittstellenfunktionen natürlich rückgängig gemacht werden können.
      Bei juristischen Auseinandersetzungen verhält es sich genau so, wie es auch heute schon als klassisches eCommerce-Unternehmen der Fall ist. Lieferanten und Marktplätze gehen pleite, eine Schnittstelle funktioniert mal nicht etc., gehört eben zum allgemeinen Geschäftsrisiko.
      Ein provisionsgetriebenes Shopsystem gab es übrigens schon einmal: Die Q-Shops von Quelle
      Das man den Content eines Artikels natürlich nicht eins zu eins übernehmen kann oder darf, ist für jeden professionellen Händler heute wohl selbstverständlich.
      Ich denke schon, dass viele System-Hersteller nach der Ankündigung durch Shopware aufhorchen werden und sich auch ihre Gedanken dazu machen, wie My-Warehouse mit Sicherheit auch. Für unmöglich halte ich es nicht, vor 5 oder 10 Jahren hätte auch keiner geglaubt, dass es mal (kommerzielle) Shopsysteme geben wird, welche OpenSource Varianten anbieten oder es zulassen, dass externe Partner Software-Module beisteuern und auf eigene Rechnung verkaufen.
      Sollte der Markt soweit sein und entsprechende Nachfrage seitens der Händler bestehen, wird sich mit Sicherheit ein Unternehmen wie Tradebyte oder The Bakery finden oder gegründet werden, um hier als Generalunternehmer/Transaktionsvermittler zu agieren.

  2. Eines vorweg – ich glaube an die Zukunft der vernetzten Shopsysteme! Sehe aktuell, jedoch – ähnlich H.P. – noch einen langen Weg bis dahin und nur über externen Drittanbieter lösbar.

    Seitens der Händler sehe ich es als größte Schwierigkeit qualitative Produktdaten zu besorgen. Sorry, aber da fehlt es in der Regel an allem.

    Ich kenne genügend etablierte Versandhändler welche es nicht schaffen aussagekräftige Produktbeschreibungen zu besorgen. Klassiker ist hier: Produktname: “Zange”, Kurzbeschreibung: “Zange”, Langbeschreibung: “Zange”

    Das zukünftig immer wichtiger werdende Thema “Varianten- /Attributsmerkmale” ist da noch in weiter Ferne.

    Fazit: Die technischen Möglichkeiten reiten den Gegebenheiten der Realität wieder einmal weit voraus.

    Dennoch kann IMO die Vernetzung für professionelle Händler tatsächlich eine starke Option werden. Nur – wieviele professionelle Händler gibt es in D eigentlich?

    • Vielen Dank für ihren Kommentar, ich stimme ihnen voll und ganz zu das bei vielen Händlern das Thema Datenpflege und Vorhaltung noch ziemlich stiefmütterlich behandelt wird. Die Umstellung auf “normalisierte” Inhalte und Attribute ist aufwändig aber machbar, erfordert halt ausnahmsweise keine ausgereifte Technik sondern einfach “Manpower” und den Umsetzungswillen.

      Wieviele professionelle Händler es in Deutschland gibt?

      Das ist eine Frage der Definition: Qualitativ oder quantitativ? Betrachtet man die Umsatzzahlen und alle Unternehmen größer 5 Mio. € Umsatz jährlich, und wenn ich meine persönlichen Kontakte/Erfahrungen und (vergangenen) Projekte mit einbeziehen darf: Geschätzt im unteren bis mittleren vierstelligen Bereich. Stichhaltigere Zahlen kann man wahrscheinlich bei excitingcommerce.de / Jochen Krisch in Erfahrung bringen, im Oktober 2011 findet die K5 Konferenz in München für die 500 stärksten Onlinehändler erstmalig statt.

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  4. Habe ich da einen Denkfehler oder betreiben nicht mittlerweile schon einige Shops solche Systeme ziemlich erfolgreich?

    Zu nenn sind da:
    - Stylight.de
    - Moebel-profi.de
    - stiljagd.de (auch stylight.de) und einige andere.

    Dort werden doch auch über einen Warenkorb die eigenen und die Produkte von angeschlossenen Händlern verkauft.

  5. @Tim: Ja, offensichtlich gibt es schon einige solcher Portale.
    Ich kenne auch noch testsieger.de – hier werden ebenfalls Produkte sämtlicher Händler über eine zentrale Plattform angeboten. Eigene Artikel gibt es jedoch nicht, dafür sind die Produkte mit Bewertungen versehen. Das ganze ähnelt also eher Amazon, nur (wahrscheinlich für die Shopbetreiber etwas) billiger und eben mit Erfahrungsberichten.

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